
NORMAL IST MANCHMAL NUR DAS, WORAN SICH GENUG MENSCHEN GEWÖHNT HABEN.
Manche Dinge wirken nicht deshalb selbstverständlich, weil sie besonders sinnvoll sind, sondern weil sie lange genug da waren. Weil wir sie oft genug gesehen haben. Weil andere Menschen sie auch machen. Und weil irgendwann kaum noch jemand fragt, warum eigentlich.
SO IST DAS EBEN.
Ein ziemlich mächtiger Satz. Nicht, weil er besonders viel erklärt, sondern weil er oft verhindert, dass überhaupt noch erklärt werden muss.
Warum sitzen Kinder so viele Stunden still? Warum arbeiten Menschen so, wie sie arbeiten? Warum gilt manches Verhalten als höflich und anderes als unhöflich? Warum ist etwas in einem Land völlig normal und zwanzig Kilometer weiter plötzlich merkwürdig? Warum machen wir Dinge weiter, obwohl kaum jemand behaupten würde, dass sie besonders gut funktionieren?
So ist das eben.
Das klingt erstaunlich ähnlich wie eine Antwort. Ist aber manchmal nur eine Gewohnheit mit Punkt am Ende.
NORMALITÄT FÜHLT SICH SELTEN WIE EINE ENTSCHEIDUNG AN.
Das ist vielleicht das Interessante daran. Wenn genug Menschen etwas lange genug tun, verschwindet irgendwann die Frage, ob es auch anders gehen könnte. Aus einer Möglichkeit wird eine Regel, aus einer Regel eine Erwartung und aus einer Erwartung irgendwann etwas, das sich beinahe natürlich anfühlt.
Nicht unbedingt, weil es natürlich ist. Sondern weil wir es kaum anders kennen.
EIN PAAR KILOMETER KÖNNEN REICHEN.
Was hier höflich ist, kann dort distanziert wirken. Was hier selbstverständlich gegessen wird, löst anderswo Kopfschütteln aus. Was in einer Kultur als respektvoll gilt, kann in einer anderen merkwürdig, kalt oder sogar beleidigend wirken.
Und das Spannende daran ist: Die Menschen auf beiden Seiten erleben ihre Version meistens nicht als kulturelle Möglichkeit, sondern als ziemlich vernünftige Art, die Dinge zu machen.
Natürlich macht man das so.
Bis man irgendwo hinkommt, wo man es anders macht.
GEWOHNHEIT KANN SICH ERSTAUNLICH ÄHNLICH WIE WAHRHEIT ANFÜHLEN.
Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke. Wir müssen nicht jeden Morgen neu entscheiden, auf welcher Straßenseite wir fahren. Wir müssen nicht bei jeder Begrüßung die gesellschaftliche Ordnung neu aushandeln. Gewohnheiten und gemeinsame Regeln machen unser Leben überhaupt erst handhabbar.
Das Problem beginnt also nicht damit, dass Menschen sich an Dinge gewöhnen. Das wäre ziemlich unpraktisch.
Schwieriger wird es dort, wo aus „So machen wir das.“ unbemerkt „So ist es richtig.“ wird.
Und aus „So kenne ich es.“ vielleicht sogar „So ist die Welt.“
NICHT ALLES, WAS NORMAL IST, IST DESHALB FALSCH.
Und nicht alles, was ungewöhnlich ist, automatisch besser. Darum geht es gar nicht.
Es geht vielleicht nur darum, Normalität wieder als das zu erkennen, was sie manchmal ist: eine Lösung, eine Tradition, eine Übereinkunft, eine Gewohnheit oder eine Geschichte, die genug Menschen lange genug miteinander erzählt haben.
Manches davon ist ziemlich klug. Manches war vielleicht einmal klug. Und manches wartet womöglich schon sehr lange darauf, dass wieder jemand fragt:
Warum eigentlich?