DIE WELT IST GRÖSSER ALS DEIN AUSSCHNITT.

DIE WELT IST GRÖSSER ALS DEIN AUSSCHNITT.

Wir sehen nie die ganze Welt. Eigentlich eine banale Feststellung. Selbst während du diesen Satz liest, existiert außerhalb deines Blickfelds ziemlich viel, von dem du gerade nichts mitbekommst. Das ist normalerweise kein Problem. Wir arbeiten mit dem, was wir haben, erkennen darin etwas Bekanntes und machen daraus etwas, mit dem wir umgehen können.

Eigentlich passiert das sogar gerade jetzt. Dieses hier könnte auch ein Buch voller Hieroglyphen sein. Für jemanden, der die Zeichen nicht lesen kann, wären sie trotzdem vollständig vorhanden: schwarze Formen auf hellem Grund, sauber gedruckt und ziemlich bedeutungslos. Du hingegen siehst keine Ansammlung kleiner Striche und Bögen. Du liest einen Text. Aus Zeichen werden Wörter, aus Wörtern Zusammenhänge und wahrscheinlich entstehen dabei sogar Bilder in deinem Kopf, die auf dieser Seite nirgendwo abgedruckt sind.

Die Zeichen machen also etwas mit dir. Aber du machst auch etwas mit den Zeichen.

EIN AUSSCHNITT MUSS NICHT FALSCH SEIN.

Zwei helle Planeten sind zunächst einfach zwei helle Planeten. Je nach Perspektive und Darbietung können sie jedoch aus der Ferne und auf einen kleinen Bildausschnitt reduziert eine völlig andere Wirkung entfalten. Vielleicht erkennst du zwei helle Rundungen vor dunklem Hintergrund. Vielleicht erkennt der erstaunlich langlebige pubertäre Teil deines Gehirns etwas anderes.

An den Planeten hat sich nichts verändert. Der Ausschnitt zeigt, was da ist. Und trotzdem entsteht etwas Neues.

Nicht auf dem Bild. Bei dir.

Das kennen wir auch außerhalb des Weltalls. Ein Lied kann für einen Menschen einfach Musik sein und einen anderen innerhalb weniger Sekunden zwanzig Jahre zurückwerfen. Die Töne sind dieselben. Das, was daraus entsteht, offenbar nicht.

Und genau das macht den Ausschnitt interessanter als die bloße Feststellung, dass außerhalb seines Randes noch mehr Welt existiert.

DER RAND LIEGT NICHT NUR AUSSEN.

Wenn wir von einem Ausschnitt sprechen, denken wir schnell an das, was fehlt: an Dinge außerhalb des Bildes, Informationen, die wir noch nicht kennen, oder Perspektiven, die wir nicht berücksichtigt haben. Ein Schritt zurück kann tatsächlich mehr sichtbar machen.

Aber vielleicht ist die Welt noch auf eine andere Weise größer als unser Ausschnitt.

Vielleicht steckt bereits in dem, was wir sehen, mehr Möglichkeit, als die eine Bedeutung vermuten lässt, die gerade für uns daraus entstanden ist. Dieselben Zeichen können Sprache sein oder Hieroglyphen bleiben. Dasselbe Lied kann Lärm sein, Heimat, Erinnerung oder einfach drei Minuten Musik. Und dieselben zwei Planeten können für einen Moment etwas ziemlich Unastronomisches auslösen, ohne auch nur für eine Sekunde aufgehört zu haben, Planeten zu sein.

Vielleicht ist unser Ausschnitt deshalb nicht nur das Stück Welt, das gerade vor uns liegt.

Vielleicht gehört auch etwas von uns dazu.

Was genau das ist, wäre dann eine andere Frage.

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